Vom Silversurfer zum Silvernerd. Es ist furchtbar, aber es geht.

Silversurfer empfand ich als Begriff für in Ehren ergraute Anfänger im Netz anfangs als eine durchaus charmante Bezeichnung. Bis ich gemerkt habe, dass ü50er damit unterschwellig als Internetidioten belächelt werden. Pah! Jetzt kommen die Silvernerds!

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 Hallo, ihr Internetpeople. Ihr bekommt Gesellschaft.

Unter dem Begriff Silversurfer tummeln sich Internetnutzer ab der Generation 50plus. Besondere Merkmale: Die Haarfarbe geht ungefärbt in Silbergrau über, die Schritte im Internet sind von misstrauisscher Vorsicht und technischer Überforderung geprägt. Die Lieblingsaktivitäten: Suchmaschinen nutzen, E-Mails senden und empfangen, zielgerichtet Angebote und Informationen suchen.

Ein Blick über den digitalen Graben

Im Frühjahr 2012 saß ich dann staunend vor meinem frisch gebackenen Twitteraccount, folgte den Links einer aufgekratzten Timeline und landete unversehens mit heißen Ohren in den Livestreams von der re:publica in Berlin – jener einzigartigen Konferenz der digitalen Gesellschaft, wo Nerds und Blogger, Social Media Freaks und Netzaktivisten, Manager und Wissenschaftler, Designer und Unternehmer zum Austausch zusammenkommen.

Die glauben bloß, dass sie das Internet nutzen.

Bei seiner Überraschungsrede machte sich Mister Internet Sascha Lobo nicht nur löbliche Sorgen um die „Nichtinternetnutzer“: „Wir müssen uns überlegen, wie man diesen digitalen Graben zuschütten kann.“ Lobo belustigte sich auch über jene, die bloß glauben, dass sie das Internet nutzen. „Regelmäßig nutzen heißt: einmal im Monat anhaben“, feixte Lobo. Und wofür? „KRS.  – Konto. Reise buchen. Spiegel Online.“

Ich fühlte mich ertappt. Zu Recht.

Vorzugsweise war ja wohl die Generation gemeint, die vom Computerzeitalter überrollt wurde, von ihren Arbeitgebern erst einmal Word- und Excelschulungen verordnet bekam und später den Anschluss ans Internet verpasste, weil aufsprießende EDV-Abteilungen sich um alles allein gekümmert haben. Internetdoofis wie ich waren also gemeint. Danke für die Blumen. Schämen tue ich mich dafür nicht. Aber es hat mich gewurmt. Und ich wollte es nicht auf mir sitzen lassen.

Wir sind lernfähig, Herr Sascha Lobo!

Ich lernte zunächst, was die Generationen nach mir unter Internet verstehen. Da geht es um aktives Netzwerken auf Plattformen und in Communitys, um das Teilen von Wissen und interaktiven Austausch, um das Beisteuern von Inhalten und Meinungen, um das Schaffen neuer Informationskanäle und Portale, um Crowdsourcingprojekte und neue Formen im politischen Diskurs. Also, zu alt sind wir ü50er dafür nicht, aber ein bisschen helfen müsst ihr uns schon.

Auf geht`s: vom Silversurfer trotzköpfig zum Silvernerd.

Ich habe großzügig Accounts in sozialen Netzwerken angelegt und Tools ausprobiert. Und wenn ich nicht weiterkam, habe ich mich bei den jungen Leuten umgehört, die sich auskennen. Ich habe auch professionelle Unterstützung in Anspruch genommen und Fortbildungen besucht. Ich bin tausenden Links gefolgt und habe so jeden Tag dazugelernt. Und im Notfall habe ich mein Passwort verraten, damit jemand anderer die kniffligen Sachen für mich erledigt.

Ich hasse es, wenn mir jemand sagt: „Ist doch ganz einfach.“ Gern nutze ich dann die Gelegenheit zum Delegieren. „Hier hast Du mein Password. Ist ganz einfach.“

Manchmal ist es nämlich furchtbar kompliziert. Aber es geht. Und es macht Riesenspaß. Inzwischen ist fast ein Jahr vergangen. Ich twittere und blogge, ich kann rudimentäre HTML-Befehle in WordPress zurechtbasteln und ein kleines Video auf dem iPhone produzieren. Ich habe den Silversurfer hinter mir gelassen und bin zum Silvernerd geworden. Der Begriff muss sich noch einbürgern, aber die Sache läuft.


Quelle: https://twitter.com/TiloHensel/status/299976874778578944

Für die nächste re:publica habe ich ein Early-Bird-Ticket. Und ich werde es benutzen!

re:publica 13

Links:

Sascha Lobo auf der re:publica am 02.05.2012: Überraschungsvortrag

Sascha Lobo sonst so

ARD/ZDF-Onlinestudie 2012 Genutzte Onlineanwendungen 

ARD/ZDF-Onlinestudie Nutzung Web 2.0

7 Gedanken zu “Vom Silversurfer zum Silvernerd. Es ist furchtbar, aber es geht.

  1. Liebe Ilse,
    den Begriff Silvernerd finde ich richtig klasse! Und danke für diesen hervorragenden Beitrag. Ich habe in diesem Jahr mit dem Bloggen angefangen, einfach weil mir Schreiben Spaß macht. Vielleicht war es auch das Glück des Arbeitslebens, dass ich mal fast drei Jahre in eine Internetfirma reinriechen durfte. Das hat meine Neugierde und Ideen enorm beflügelt.

    Ja, ich habe noch mit Schreibmaschine und Fernschreiber angefangen. Während meiner Ausbildung gab es noch keine PCs in jeder Abteilung, geschweige denn Handy & Co. So manches habe ich mir mühsam aneignen müssen. Vieles könnte einfacher sein. Die Technik sollte dem Menschen dienen.

    Aber auch wir sind ja lernfähig. Ich wünsche mir noch viele Silversurfer in allen sozialen Medien.

    Liebe Grüße
    Renate

  2. Pingback: Silvernerd | Silvernerd. Definition.

  3. Pingback: Social Media verändert alles. Auch mich. Wüste Gedanken bei einer Weiterbildung. | Silvernerd

  4. Pingback: Silvernerds sind die Generation nach den Silversurfern. | Silvernerd

  5. Liebe Ilse, wenn mein Vortrag im Mai nichts bewirkt haben sollte außer ein paar Lachern von zweitausend Blognerds – allein für diesen Artikel hat er sich gelohnt. Danke dafür, also für die bestmögliche Reaktion auf meine flapsigen Angriffe. Ich habe zwar hinterher noch gesagt, dass das Internet, die sozialen Medien keine Altersfrage sind sondern eine Haltungsfrage. Aber trotzdem. Ich bin jetzt nicht mehr blutjung, um es behutsam auszudrücken (38) – aber wenn ich Silvernerd bin (schöne Bezeichnung, sehr schöne sogar), dann wünsche ich mir, die dann neuen Technologien so begeistert zu umarmen wie es hier passiert. Das ist nämlich nicht selbstverständlich und schon deshalb ein Vorbild.

    Abschließend: ein Punkt trifft ins Mark: einfach ist das alles nicht. Genauer gesagt ist es VIEL ZU SCHWER. Und jeden Tag wächst eine von leichtsinnigen, unverständigen Programmierern rausgejagte Schwierigkeit nach. Die womöglich irgendwann entscheidend wird. Die Vereinfachung der digitalen Sphäre ist der Schlüssel dazu, dass mehr unterschiedliche Leute sie auch voranbringend verwenden.

    • Ja bitte! Macht das Internet einfacher. Du, Sascha Lobo, hast in dieser Überraschungsrede zum Beispiel davon gesprochen, dass ihr ü30er schon so wisst, wie man WordPress mit einer Nacht voller Schmerzen und Rotwein aufsetzt. Ich habe mehrere Wochen, eine Schulung, Nerdunterstützung und einen Sechserkarton Rotwein gebraucht.

    • „Die neuen Technologien umarmen“ – das ist schön gesagt. Ich habe viel Freude daran, mich in den Social Media zu bewegen, mit interessanten und sympathischen Menschen zu interagieren und über WordPress-Websites auf meine Angebote (Textcoaching und Coaching für Hochsensible) aufmerksam zu machen.
      Ich denke, ohne die (meist!) geduldige Unterstützung und Anleitung durch meinen Sohn Tilo, der so bewundernswert versiert mit all dem umgeht, wäre mir das schlichtweg nicht zugänglich geworden. Ich bin nicht auf den Kopf gefallen, aber so ganz einfach erschließt sich der Umgang mit den Medien in seinen Einzelheiten nun wirklich nicht. Ich bin froh und dankbar, dass Tilo mich da bei der Hand genommen hat und mich in diese Welt geführt hat! „Silvernerdige“ Grüße!

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