Lasst Senioren im Internet mitspielen. Wie man wütende Offliner knackt.

Die jüngste Zeit war für mich sehr seniorenlastig und analog. Die ü70er, die mir eine Privatunterkunft boten, sind komplett offline. Sie beäugten überwiegend verständnislos mein Kommunikationsmanagement mit dem iPhone. Als der erste Wutanfall über digitale Verblödung über mich hereinbrach, fühlte ich mich als Versager. Dann habe ich die älteren Herrschaften in der digitalen Wunderwelt mitspielen lassen und siehe da: „Mensch, das ist ja eine dolle Erfindung.“

iPadpremiere eines Seniors

Nein, Du kannst nichts kaputt machen. Vorsichtig, aber neugierig scrollt ein Senior erstmals über ein iPad.

Mein Anfangsfehler war die Selbstverständlichkeit, mit der ich während meines zweiwöchigen Berlinaufenthalts anlässlich der re:publica das Handy auf Schritt und Tritt bei mir trug. Es gab so viel zu verabreden und zu besprechen, zu twittern und zu lesen.

Dauernd spielt Ihr mit Euren neumodischen Apparaten herum, schimpfte mein 75jähriger Gastgeber. Aber um ein Fahrrad zu reparieren, seid Ihr zu blöd.

Vorübergehend traute ich mich nicht mehr, in Gegenwart des Seniors auf mein iPhone zu schielen. Vor dem Heimkommen blieb ich eine halbe Stunde vor dem Haus sitzen und scrollte mich durch; oder ich verzog mich in mein Gästezimmer und schloss die Tür. Als schließlich auch mein Navi verteufelt wurde, das mich durch den Berliner Großstadtverkehr leitete, wurde es mir zu bunt.

Warum sollte ich Stadtpläne wälzen? Die gesparte Zeit kann ich besser nutzen. Zum Beispiel, um ein anständiges Mittagessen für Dich zu kochen.

Mein Kochkünste als Versöhnungsangebot wurden im dosensuppengeschädigten Singlehaushalt anstandslos akzeptiert. Danach packte ich ein iPad auf den Tisch und erklärte, so gut ich konnte, das Internet. Der Senior staunte über die Blogs von Familienangehörigen und freute sich, aktuelle Fotos von entfernten Verwandten auf Facebook zu sehen. Wir recherchierten Daten über sein erstes Motorrad und lachten gemeinsam über lustige Tweets. Die Neugier war geweckt. Nach ein paar Tagen klang die Frage wie selbstverständlich:

Kannste das mal in Deinem Internet nachgucken?

Senior Nummer 2, bei dem ich im Mai einen weiteren Reiseaufenthalt eingelegt hatte, war fünf Jahre jünger und ehrfürchtig verschüchtert. Wenn ich mit dem iPhone hantierte, traute er sich nicht, mich zu unterbrechen. Im Gegenzug – das hatte ich nun gelernt – band ich den 70jährigen von Anfang an in meine Getue ein.

Hör mal. Ich mache jetzt ein Video davon, wie Du zum ersten Mal über das iPad wischst und poste das.

Gemeinsam lasen wir aufploppende Fav-Mitteilungen und Kommentare, und später beim Champions-League-Finale hatte ich schon einen Stichwortgeber für den Second Screen. Zwischendrin verfolgte der Offliner genauso gespannt wie ich, ob die sozialen Netzwerke uns verraten, dass meine Tochter inzwischen heil in New York angekommen ist.

So gesehen, war es ganz einfach, das Motto der re:publica IN/SIDE/OUT lebenspraktisch in die Tat umzusetzen.

Links:

Charlotte Haunhorst: Ich erkläre Opa das Internet und er mir die Welt. Oder andersrum?

Das Nuf (Patricia Cammarata): Die echten Menschen und die im Internet

Stern.de: Internet statt Kaffeekränzchen

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