Das Netzgemüse braucht auch internetfähige Omas.

Ich bin kein Elternmensch mehr, der „Netzgemüse“ großziehen muss. Meine Tochter entschwand nach einer weitgehend analogen Kindheit ins Internet, als sie schon erwachsen war. Erst spät habe ich damit begonnen, sie dort zu besuchen. Aber immerhin. Die Lektüre des Buches „Netzgemüse“ von Tanja und Johnny Haeusler hat mich darin bestärkt, dass diese Entscheidung richtig war. Dann kann ich dereinst wenigstens als Netzgemüseoma Karriere machen.

„Denn wenn wir akzeptieren, dass das Leben unserer Kinder in weiten Teilen von diesem zukunftsträchtigen Medium bestimmt sein wird, sollten wir uns einmischen, interessieren und es vor allem mitgestalten.“

Netzgemuese

Das Buch über „Aufzucht und Pflege der Generation Internet“ wendet sich an Eltern einer Generation, die noch ohne Computer, Mobiltelefone und Internet groß geworden ist und nun Kinder zu erziehen hat, die heute ganz selbstverständlich in einer Welt mit Computern, Mobiltelefonen und Internet aufwachsen. Doch auch für Menschen ohne diese Nachwuchssorgen sind die Informationen und Denkanstöße eine großartige Einführung in die digitale Wirklichkeit.

Es geht darum, das Internet und die digitalen Medien als gleichberechtigten Lebens- und Kulturraum zu begreifen, zu akzeptieren und zu nutzen. Das ist nicht nur eine neue erzieherische Herausforderung für Eltern wie Tanja und Johnny Haeusler; das bedeutet auch Nachholbedarf für ü50er wie mich, die mit Verspätung das Netz entdecken und ihren erwachsenen Kindern hinterherstolpern.

Sachlich und informativ, witzig und warmherzig erkunden die Autoren aus ihrer Warte als Eltern und aus dem Blickwinkel ihrer Söhne das Internet. Lebensnah und praxistauglich vermitteln sie zudem Basiswissen, das auch Späteinsteigern weiterhilft. „Netzgemüse“ habe ich in einem Rutsch verschlungen, weil es auch mir anschaulich schildert, welchen Stellenwert beispielsweise YouTube für junge Leute hat oder was an Spielekonsolen eigentlich abgeht, wo Gefahren lauern und wie man sich wappnet.

Die Unbefangenheit mit der neuen Technologie, die erst 1999 in mein Privatleben einzog, fehlt mir. Aber in Sachen Neugier habe ich aufgeholt. Nicht zuletzt dank der Kinder, die sich rührend um ihr „Seniorennetzgemüse“ kümmern. Jener Zwischengeneration zum Beispiel, die in den 90er Jahren am Arbeitsplatz zwar einen Computer vor die Nase gesetzt bekam, aber den Anschluss an das Mitmachnetz verpasst hat. Vermutlich deshalb, weil die Kinder schon aus dem Haus waren, als die ersten großen Netzwerke entstanden. Mit seiner jugendlichen Experimentierfreude konnte uns der Nachwuchs nicht mehr anstecken.

„Voller gesunder Respektlosigkeit klicken sie alles an, was sich ihrem Mauszeiger in den Weg stellt, und testen die Grenzen des Geräts ohne Furcht, etwas kaputt zu machen.“

Die klugen Gedanken von Tanja und Johnny Haeusler über die Erziehung der Generation Internet helfen darüber hinaus allen Erwachsenen weiter, die mit Kindern zu tun haben – seien es Eltern, Lehrer oder Großeltern. Die Autoren wehren sich gegen Panikmache und sie machen Mut, sie regen zum Nachdenken an und fördern die eigene Entscheidungsfindung für „einen mal aufreibenden, mal herrlichen Alltag online und offline“.

„Egal, ob es um den Schulalltag geht oder um die Nutzung von sozialen Netzwerken: Es gilt, Kinder stark zu machen, ihr Selbstbewusstsein zu fördern und mit ihnen frühzeitig auch über die Schattenseiten des menschlichen Wesens zu reden … Bringen Sie Ihren Kindern im Zusammenhang mit dem Internet genau das bei, was Sie ihnen auch für alle anderen Lebensbereiche an Herz legen.“

Links:

Hier geht es zum Weblog über Netzgemüse mit weiterführenden Links und Informationen über das Buch und die Autoren.

Hier geht es zum Rant von Tanja und Johnny Haeusler auf der re:publica 2013 über eine Gesellschafts- und Bildungssystemsystem, dass der Jugend nicht gerecht wird.

Hier fordert Mike Schnorr neue Pflichtfächer an deutschen Schulen: Digitale Wirtschaft, Kommunikation und Medienkompetenz

3 Gedanken zu “Das Netzgemüse braucht auch internetfähige Omas.

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