Ich lasse mir die Lust am Vernetzen nicht nehmen!

Die Enthüllungen darüber, in welchem Ausmaß unser Netz ausspioniert wird, hat mich sehr verstört. Doch Totstellen ist keine Lösung. Gerade der Vernetzung verdanke ich Informationen, Aufklärung und Denkanstöße für meine Meinungsbildung und eigene Konsequenzen. Ich schätze die Onlinekultur des Austauschs und des Teilens auch im persönlichen Bereich. Aber ich werde sicherlich stärker als bisher darüber nachdenken, ob und wo ich private Informationen über anzapfbare Leitungen freigebe.

Mit Brief und Siegel

Ich bin aktuell etwas dankbar über die Gnade der frühen Geburt, die mir das Internet erst spät beschert hat. Zum einen hat sich der überwiegende Teil meines Lebens samt jugendlichem Leichtsinn noch offline abgespielt. Zum anderen hat mich technische Überforderung bei aller Neugier mit Zurückhaltung gewappnet.

Inzwischen bin ich keine digitale Null mehr. Das war gewollt. Dass aber Dritte meine Privatsphäre und meine vermeintliche Eigenverantwortung nach Belieben aushebeln, war mir in diesem Umfang bisher nicht bewusst. Das umfassend mögliche Tracking meiner Datenspuren und ihre Aggregation führen meine Selbstbestimmung ad absurdum. Ich weiß nicht, wer was wann und warum mit meinen Daten macht. Ich bin wütend.


Nur was tue ich jetzt? Einerseits bin ich nicht bereit, meine Vernetzung im Internet einem Klima der Angst zu opfern. Andererseits sehe ich mich aktuell zu Konsequenzen gezwungen, wenn sich der Schutz meiner Persönlichkeitsrechte auf die Wahl zwischen online und offline beschränkt.

Das Internet geht nicht mehr weg. Meine Datenspuren auch nicht. Aber ich kann bestimmen, welche Datenspuren ich lege und welche nicht, wo ich den Einbruch in meine Privatsphäre riskiere und wo nicht. Martin Giesler war nicht zimperlich: „Ich bin raus bei Google+, bei Facebook, bei Instagram, bei Dropbox, bei Evernote, bei Path, bei Yahoo – vom early adopter zum early quitter!“

Ich werde ebenfalls Wahlmöglichkeiten nutzen, um den unkontrollierten Zugriff auf meine Daten zu begrenzen. Und seien die Maßnahmen noch so klein.

Ich werde beispielsweise weiterhin keiner Webanwendung den Zugriff auf meine Kontakte erlauben und für einen Onlinekauf nicht gleich einen Account anlegen. Ich werde mich nicht auf die Vertraulichkeit von Facebook-Chats und Twitter-DMs verlassen oder sorglos Tools und Apps ausprobieren. Ich werde um Internetdienste, die mir nicht geheuer sind, einen Bogen machen und noch überlegen, wo ich wieder aussteige und wo nicht.

Ich werde noch sorgfältiger darüber nachdenken, welche persönlichen Informationen ich dem öffentlichen Internetraum vorbehalte, bis ich mehr über Verschlüsselungstechniken weiß, die auch für Normaluser wie mich praktikabel sind. Ich bin jedoch vorerst nicht gewillt, meinen Protest gegen die Ausspähpraxis und meine Verunsicherung durch einen umfangreichen Rückzug aus sozialen Netzwerken kundzutun.

Ich will verdammt noch mal vernetzt bleiben. Sonst macht unser Internet doch keinen Sinn mehr.

Links:

Was nicht da ist, kann nicht gespeichert werden. Ludwig Greven auf Zeit Online

Wir werden viel mehr für uns behalten. Denn wir können nicht mehr flüstern im Internet. Johnny Haeusler auf www.spreeblick.com

Veröffentliche nur das, was – wenn’s drauf ankäme – auch jeder öffentlich sehen dürfte.
lautet mein kategorischer Imperativ für das Social Web. Lars Hahn auf www.systematischkafeetrinken.de 

Ich habe etwas zu verbergen Judith Horchert auf Spiegel Online

Ein observierter Mensch ist nicht frei. Juli Zeh auf www.donaukurier.de

Wir müssen uns fragen, in was für einer Welt wir leben. Und in welcher wir künftig leben wollen. Enno Park über Lebenslügen auf www.carta.info

Über die Unterhöhlung des Bodens des Grundgesetzes Heribert Prantl auf www.sueddeutsche.de

Fragen an Opa – ein Aufruf zum Protest John F. Nebel auf www.metronaut.de

Meine Heimat wird illegal attackiert, aber die Bundesregierung weiß von nichts, ist nicht zuständig oder wiegelt ab. Sascha Lobo auf Spiegel Online

Pro und contra das Verschlüsseln auf www.taz.de

Raus auf die Straße Johnny Haeusler auf www.spreeblick.com

Ein Gedanke zu “Ich lasse mir die Lust am Vernetzen nicht nehmen!

  1. Pingback: Ich war auf einer Kryptoparty. Jetzt hasse ich meine Metadaten. | Silvernerd

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